Ich bin ein Ignorant … Schütteltrauma nach öffentlicher Selbstentblößung

IgnorantIch halte es einfach nicht mehr aus. Ich kann es nicht mehr für mich behalten. Es muss raus: Ich bin ein Ignorant! Vielmehr eine Ignorantin, wollte ich genderpolitisch korrekt bleiben und nicht auch noch in die hippe Sexismus-Falle tappen. Ich habe mich schuldig gemacht. Schuldig durch mein Desinteresse. Schuldig durch meine ehrliche Annahme, dass die öffentliche Selbstenblößung, die zur Zeit wieder so en vogue ist, bestenfalls Unterhaltungswert hat. Man könnte auch sagen, verzweifelte Versuche mediengeiler Geschöpfe sind, ein wenig Aufmerksamkeit zu bekommen. Aber wie ja schon erwähnt, ich bin ein Ignorant.

Und habe offensichtlich keine Ahnung! So diente die gestrige Alkoholbeichte der ebenso unsäglichen wie bedauernswerten Jenny E. nicht etwa dem Austesten ihres Marktwertes (wohl nicht so doll, wenn man auf die Einschaltquote guckt), sondern – glaubt man jedefalls den Kommentaren im Netz – sollte ein quasi-pädagogisches Fanal darstellen. Nach dem Motto: “Seht her, das hat der Alkohol mit mir gemacht. Aber ich hab’s geschafft, von dem bösen Verführer loszukommen. Ihr könnt das auch schaffen.” Äh ja. Vielleicht hätte sich die Sendung mal Paul Gascoigne ansehen sollen, der sich gerade in England zu Tode säuft. Wenn’s die Jenny schafft, dann Gazza doch allemal, oder? Keine Frage, Alkoholismus ist eine schwere und fürchterliche Krankheit. Aber tut man Alkoholikern wirklich einen Gefallen damit, ihre Sucht als gesellschaftliches Trendthema darzustellen? Ich habe da meine Zweifel. Aber ich bin ja auch ein Ignorant.

Deshalb habe ich wohl generell wenig Verständnis für den öffentlichen Seelenstriptease. Und so komme ich aus dem verwunderten Kopfschütteln nicht mehr heraus: “Ich habe meine Frau geschlagen!” (Raffael van der Vaart), “Ich liebe ihn immer noch!” (Sylvie van der Vaart), “Ich war pornosüchtig!” (Patrick Nuo) oder “Ich bin sexsüchtig! (so viel Platz gibt’s hier nicht). Sehr schön auch die Spezialform “public denial” – kürzlich zelebriert von Allegra Curtis: “Ich habe nie etwas an mir machen lassen!” In dieser Kategorie hoffe ich übrigens noch schwer auf ein Statement von Jogi Löw: “Ich kenne Stefan Kießling nicht!”. Wahrscheinlich geht’s aber auch in all diesen Fällen nicht um Aufmerksamkeit, sondern um … ja, um was eigentlich? Wen interessiert das alles überhaupt?? Ich verstehe es einfach nicht, aber ich bin ja auch ein Ignorant.

Das Gute an meiner kleinen Persönlichkeitsstörung ist jedoch, dass ich mir keinen Kopf darüber machen muss. Ich kann einfach alles ingorieren. Oder Witze darüber machen, wenn mir danach ist. Oder böse lästern … aber das lieber im Geheimen, sonst muss ich am Ende auch noch beichten: Ich bin ein Intrigant! Und das wiederum kann keiner wollen …

Carrie

2 Comments

  1. Ich stimme zu. Eins möchte ich hinzufügen: Du nennst ein paar Beispiele für Selbstentblößungen aus Fernsehen und Presse. Aber was ist mit Facebook und Co? Da läuft der Exhibitionismus doch hoch drei ab! Und zwar nicht nur durch “Prominente”, sondern durch jedermann/-frau!! Wahrscheinlich sind Deine Beispiele schon wieder eine Art Echo, zurück von den sozialen Netzwerken in die “alten” Massenmedien hinein.

  2. Wie wahr! Facebook ist das neue Terrain für alle diejenigen, die einen Filter nicht überstehen würden. Likes kann man kaufen und Bekannte sind oftmals gütig.

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